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Frömmigkeitsformen als Pulsschlag des Volkes Gottes
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Fritz
2020-07-31 08:51:23 UTC
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Wer liebevoll gesammeltes frommes Gerümpel sucht, der ist in einer Kneipe in Brügge ganz richtig. Die Kneipe gehört zu einem Jugendhotel. Sie ist vollgestopft mit Devotionalien ( Gegenständen der Verehrung ), die auf dem Trödelmarkt zu finden waren. Die Kneipe ist ein Spiegel für den Wandel der Frömmigkeitsformen.

Entsprechendes gilt für die Sakralarchitektur. In großen Linien lässt sich die Geschichte der Spiritualität auch in Epochen der Architektur gliedern: Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, Klassizismus, Neoromanik und Neobarock, Modernismus, Konziliararchitektur. Jede Epoche formte Theologie in Stein und Beton. Und immer wieder ging es darum den Himmel, die Stadt Gottes auf Erden abzubilden. Je nach Zeichen der Zeit wurde mal die Vertikale, das Entschweben und Aufstreben zum Himmel betont ( Beispiel Gotik ), mal die Horizontale, das Leben Jesu auf Erden ( Renaissance ). Und oft ging es darum, trotz des schweren Baumaterials jene Leichtigkeit zu vermitteln, die dem Himmlischen entspricht.

Gerne wird in der Literatur das Wort Barock aus einem portugiesischen Wort für schiefrunde Perle abgeleitet:

https://www.google.com/search?q=barock+schiefe+perle&oq=barock+schiefe+perle&aqs=chrome..69i57j0.4705j0j4&sourceid=chrome&ie=UTF-8

Aber da scheint den Autoren die Phantasie durchzugehen, was in falsch verstandener Scholastik Abschreiber offenbar nie gestört hat. Bei Sakralarchitektur ist es viel wahrscheinlicher, dass sich Barock von parroco, Pfarrei, ableitet.

Die Barockarchitektur wirkt durch ihren Formenreichtum emotional, jubelnd, aufjauchezend, wobei die schnörkeligen Spiralen um die Säulen wohl auch technisch motiviert sein und der besseren Statik dienen dürften. Ein Argument dafür sind quasi neobarocke Industrieschornsteine, die eben auch durch äußere Spiralen stabilisiert werden, was allerdings wohl auch maßgeblich mit Wind zu tun hat.

Über die Sakralarchitektur rund um die Konzilszeit denken derzeit auch andere nach und übersehen dabei, dass die architektonische Idee einer "Brücke zu Gott" völlig unbiblisch ist und auch nicht der architektonischen Frömmigkeitsgeschichte entspricht.

Es mutet daher befremdlich an, was auf einer katholischen Onlineseite Thomas Erne als Professor für Praktische Theologie ist Direktor des Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart in Marburg von sich gibt. "Man wollte modern sein, mit der Zeit gehen. Kirchen sollten funktional sein, alles andere war überflüssig."

Man versteht Erne allerdings, wenn man seine Biografie liest: Er ist Protestant.

Auf katholischer Seite stellte sich die Problematik der Sakralarchitektur urbe et orbe von Bistum zu Bistum unterschiedlich. Durch Migration und Kinder wuchsen in manchen Bistümern die Pfarreien rapide an. Die Kirchen waren sonntags überfüllt, weil sie zu klein waren. Neue Kirchenbauten waren notwendig. Daher wurden in der Zeit des Konzils, der großen Bischofsversammlung im Vatikan in Anfang der 60-er Jahre, so viele Kirche gebaut wie nie vorher in der Kirchengeschichte.

Teilweise wurde sogar neue Bistümer gegründet: Das Bistum Essen zum Beispiel war ein neues Konstrukt Ende der 50-er Jahre, zusammengesetzt aus dem Ruhrgebiet und Teilen des Sauerlandes. Gründungsbischof Franz Hengsbach entstammte einer kinderreichen Bauernfamilie aus dem Sauerland und pflegte mit dem Papst herzliches Einvernehmen, war insbesondere Johannes Paul II. geistlich zugetan und verbunden.

Schon im Vorfeld des Konzils waren neue theologische Ideen entstanden, denen die päpstliche Instruktion zum pastoralen Aufbruch der Pfarreien mit der Eucharistie im Mittelpunkt entspricht. Der Altar rückte ins Zentrum der sich um Christus, repräsentiert durch den Priester, versammelenden Gemeinde ausdrückt. Aber auch die architektonische Idee des Zeltes Gottes drückte eine neue Dynamik und Vorläufigkeit der Pfarrkirchen aus. Manche Notkirche wurde schon nach wenigen Jahrzehnten wieder abgebaut. Manche Kirche der End-50-er wurde für wenige Jahrzehnte ( Beispiel im Ruhrbistum: Liebfrauen in Gevelsberg ) nach konziliaren Ideen aufwendig umgebaut, soll aber jetzt bis 2025 veräußert werden. Andere Kirchen waren im Zuge des Ausbaus und der Erweiterung in der Konzilszeit so nüchtern geworden, dass Ausländerseelsorger klagten: "Mein Leute können darin nicht beten." ( Beispiel im Ruhrbistum: St. Engelbert in Gevelsberg ).

Wenn nun der jetzige Ruhrbischof einer radikalen Abkehr von Rom das Wort spricht und sein eigenes Ding machen will, dann kann man sich vorstellen, auch das Ruhrbistum wie ein Zelt zusammenzufalten und auf die (Erz-)Bistümer Köln, Münster und Paderborn aufzuteilen.

Was nun den Kirchenschmuck und die Devotionalien anbelangt: Geld für neue Kirchen war wichtiger als Geld für eine aufwendige Aufarbeitung der Inneneinrichtung von Kirchen. Da scheint sich die Realität jedoch heute gedreht zu haben, so dass Restauration billiger ist als Neubau von Kirchen ( gerade im Bistum Essen ).
AgroKarbo
2020-07-31 09:12:19 UTC
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Post by Fritz
Entsprechendes gilt für die Sakralarchitektur. In großen Linien lässt sich die Geschichte der Spiritualität auch in Epochen der Architektur gliedern: Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, Klassizismus, Neoromanik und Neobarock, Modernismus, Konziliararchitektur. Jede Epoche formte Theologie in Stein und Beton. Und immer wieder ging es darum den Himmel, die Stadt Gottes auf Erden abzubilden.
Man erfährt wieder mal nicht aus welcher trüben Quelle das abgeschrieben wurde.

Bei Gotik fehlt nätürlich jeglicher Hinweis, dass manche Zeitgenossen den Stil als "barbarisch" empfanden und ihn deshalb den verpönten Goten zuschrieben, die so was wie Vandalen(auch in falsch verstandene Kulturgruppe) waren.

Es ging dabei nicht unbedingt, um das Lob Gottes, sondern um einen Wettbewerb in Nordfrankreich, wer die höchsten und luftigsten Bogen wölbt. Später haben die Deutschen im Wettbewerb mit Frankreich sich die Erfindung der Gotik selbst zugeschrieben. Siehe die Betrachtungen von Goethe zum Strassburger Münster.

Als Backsteingotik war es dann einfach ein Mittel zum zügigen Bau von Kirchengebäuden aus standardisierten Elementen um die Slawen in den Griff zu bekommen. Eine Art Kolonialarchitektur.

Das interessiert den frommen Schreiberling alles nicht
Fritz
2020-07-31 09:38:24 UTC
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Post by AgroKarbo
Post by Fritz
Entsprechendes gilt für die Sakralarchitektur. In großen Linien lässt sich die Geschichte der Spiritualität auch in Epochen der Architektur gliedern: Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, Klassizismus, Neoromanik und Neobarock, Modernismus, Konziliararchitektur. Jede Epoche formte Theologie in Stein und Beton. Und immer wieder ging es darum den Himmel, die Stadt Gottes auf Erden abzubilden.
Man erfährt wieder mal nicht aus welcher trüben Quelle das abgeschrieben wurde.
Um nur einen Literaturtipp zu geben:

Sedlmayr, Hans: Die Entstehung der Kathedrale. Herder Spektrum. 1993
Post by AgroKarbo
Bei Gotik fehlt nätürlich jeglicher Hinweis, dass manche Zeitgenossen den Stil als "barbarisch" empfanden und ihn deshalb den verpönten Goten zuschrieben, die so was wie Vandalen(auch in falsch verstandene Kulturgruppe) waren.
Danke für den Hinweis. Über Pro und Kontra einzelner Stilrichtungen kann man natürlich ausführlicher diskutieren.
Post by AgroKarbo
Es ging dabei nicht unbedingt, um das Lob Gottes, sondern um einen Wettbewerb in Nordfrankreich, wer die höchsten und luftigsten Bogen wölbt. Später haben die Deutschen im Wettbewerb mit Frankreich sich die Erfindung der Gotik selbst zugeschrieben. Siehe die Betrachtungen von Goethe zum Strassburger Münster.
Als Backsteingotik war es dann einfach ein Mittel zum zügigen Bau von Kirchengebäuden aus standardisierten Elementen um die Slawen in den Griff zu bekommen. Eine Art Kolonialarchitektur.
Das interessiert den frommen Schreiberling alles nicht
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